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Blog

Sie sehen Daniela Benker, Leiterin der Forum Unterschleißheim bei der Eröffnung der Ausstellung.

EINFÜHRUNGSREFERAT
VERNISSAGE

  |   Leitung Forum Unterschleißheim

Liebe Frau Kern, sehr geehrter Herr  Bürgermeister Krimmer, verehrte Mitglieder des Stadtrats und Vertreter der Presse, liebe Freunde, Verwandte und Weggefährten unserer Künstlerin, verehrte Besucher,

 

der heutige Abend ist auch für mich als Leiterin des Forums Unterschleißheim ein ganz besonderer. Seit über 10 Jahren arbeiten wir mit der Grafikerin Marlene Kern intensiv zusammen; sie gestaltet unser Erscheinen in der Öffentlichkeit und hat damit auch einen erheblichen Anteil an unserem Erfolg in den vergangenen Jahren.

 

Es ist uns daher eine große Freude, für Frau Kern ihre erste eigene Ausstellung realisieren zu dürfen, seit sie vor ziemlich genau zwei Jahren damit begonnen hat, sich über ihre Arbeit als Grafikerin hinaus die Malerei zu erschließen. Das ist nicht zuletzt auch eine Geste des Vertrauens, denn sich mit den eigenen Arbeiten erstmals in der Öffentlichkeit zu präsentieren, erfordert Mut.

 

Marlene Kern wuchs in Mühldorf am Inn auf und ging nach dem Abitur nach München. Zunächst – sie war sich noch nicht wirklich sicher, wie sie ihre berufliche Zukunft gestalten wollte – besuchte sie die Münchner Zeichen- und Malschule Hans Seeger, wo sie das Handwerk des Zeichnens erlernte. Das dort Erlernte ist für sie heute wieder wichtig geworden, denn, wie sie selbst erkennt, die Grundlage für die Malerei ist das Zeichnen.

 

Es schließt sich das Studium an der Fachhochschule für Kommunikationsdesign München an, das sie mit dem Diplom abschließt. Bereits kurz nach Beendigung des Studiums macht sie sich im Jahr 1996 selbständig und gründet ihre Firma Marlene Kern Design. Seither gestaltet sie für Unternehmen und Institutionen grafische Aufträge.

 

Wie wir sehen, dauert es nach dem Studium doch einige Zeit, bis Marlene Kern sich der Malerei nähert und sich ihr gewissermaßen stellt. Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe, die zu erläutern für die Würdigung der Künstlerin aus meiner Sicht von entscheidender Bedeutung sind.

 

Zum einen, so sagt sie, braucht Malerei ein Thema, ein persönliches Anliegen, und demzufolge eine persönliche Identität und Reife, die ihr zu Beginn ihrer Laufbahn noch fehlt. Erst mit dem Finden ihrer Identität, einem stimmig und rund Werden in der eigenen Persönlichkeit,  konnte sie jene Sicherheit in sich selbst finden, die es braucht, um die persönlichen Themen reflektiert umzusetzen und auszudrücken.  Die Suche nach der eigenen Identität ist überhaupt bei Marlene Kern ein lebensbestimmendes Thema, eines, das sie schon in jungen Jahren bis heute beschäftigt. Sie hat es sich damit nicht leicht gemacht, Widerstände und Rückschläge in Kauf genommen, ist an und mit dieser Suche gewachsen.

 

„Eine unabhängige Identität ist der Schlüssel zur besseren Welt. Nichts lohnt mehr, als sich über eigene Wünsche, Ziele und Haltungen bewusst zu werden, sich eine eigene Meinung zu bilden, Talente zu entfalten, Sicherheit und Anerkennung in sich selbst zu finden und sich selbst zum Maßstab für Bewertungen zu machen. All dies ermöglicht erst zu kommunizieren, zu interagieren und die Gesellschaft mit einem individuellen Standpunkt in ihrer Vielfalt zu bereichern“. So definiert Marlene Kern ihr Verständnis von Identität.

 

Zum anderen hat sich Grafik und Design in den letzten 20 Jahren extrem verändert. Als Marlene Kern Anfang der 90er Jahre ihr Designstudium aufnimmt, gibt es noch keine Software-Lösungen und Bildprogramme. Heute sind Grafik und Design eine Technologie, Strukturieren und nicht mehr Illustrieren. Das Computerzeitalter hat der Grafik die künstlerische Kreativität und dem Grafiker die künstlerische Identität abgenommen.  So erlebt sie sich im beruflichen Schaffen als Künstlerin weniger und weniger gefragt, auch bei ihren Kunden findet sie wenig Bereitschaft für kreative Experimente, stattdessen wird eher auf konservative Entwürfe gesetzt.

 

So geht es im beruflichen Schaffen der Kreativen heute mehr darum, Inhalte zu ordnen. Die Herausforderung heute ist, kleine Datenmengen für kurze Ladezeiten zu produzieren und es digitalen Oberflächen eine emotionale Ästhethik zu geben, die ein angenehmes „Look and Feel“ vermitteln.

 

Marlene Kern setzt sich in ihren Bildern mit Männern auseinander. Bisher sind zwei Serien dazu entstanden, aus denen jeweils 8 Bilder hier gezeigt werden. Die Serie 1 widmet sich dem von ihr als einseitig empfundenen Männerbild in unserer westlichen Leistungsgesellschaft. Bilder von sachlichen, souveränen und führungsstarken Männern lassen sich leicht finden, aber wo sind Bilder, die beispielsweise Männer in ihren Unsicherheiten, Ängsten oder in ihrer Hilflosigkeit zeigen? Zensieren Männer ihre Gefühle zugunsten von „erwünschten und erfolgreichen “ Verhaltensweisen? Marlene Kern geht diesen Fragen nach, weil sie beim „starken“ Geschlecht eine Diskrepanz zwischen innerem Erleben und äußerem sich Geben vermutet, die zu einem verzerrten Bild führen. Distanz erzeugen und Kontakt verhindern. Ihre Stilrichtungen sind unterschiedlich. Sie experimentiert mit Maltechniken, um ihren eigenen Stil zu entwickeln. So gibt es in der Serie 2 Arbeiten, die ganz dem dunklen, bedrückenden expressionistischen Stil der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts folgen. Es gibt speziell in der Serie 1 naturalistische Arbeiten,  expressive bis ins Abstrakte hineinreichende intensiv farbige Bilder. Alle Arbeiten aber überzeugen stets durch ihre perfekte Proportion und stimmige Komposition. Man spürt die zeichnerische Ausbildung in jedem ihrer Bilder – sie sucht zwar, aber im Gegensatz zu vielen anderen stehen ihr eine Vielzahl technischer Möglichkeiten zur Verfügung. Marlene Kern arbeitet schnell, es entsteht ein dynamischer Pinselduktus mit einer gewissen Rhythmik, der sie in beiden Serien treu bleibt.

 

So steht die Serie 1 im Zeichen der Suche nach Gefühlen, die möglicherweise kontrolliertem Reagieren und Abwägen zum Opfer gefallen sind. Eine fragwürdige Fähigkeit, die die westliche Welt besonders Männern abverlangt. Diese Frage stellt die Künstlerin in ihren Arbeiten. Marlene Kern projiziert Bilder von Männern auf die Leinwand, in deren Gestik und Mimik sie unterdrückte Gefühle zu erkennen meint – sicher ein spekulatives, aber niemals bewertendes Unterfangen. Eher das wohlwollende und fast schon liebevoll-engagierte Hinterfragen einer erfühlten Ambivalenz zwischen dem inneren und äußerem Erleben.  Es ist ein Hinterfragen und sich Herantasten, das sich nicht aufdrängt, sich aber auch nicht versteckt. Es ist eine Ermutigung dazu, Gefühle zu zeigen. Den Mut zu haben,  sich selbst zu zeigen und darauf zu vertrauen, dass dieser Mut belohnt und nicht sanktioniert wird.

 

Das verbindende Element, die erklärende Schnittstelle zwischen den beiden Serien der „Männerbilder“, wird am besten durch ein Zitat des spanischen Philosophen und Soziologen José Ortega y Gasset verdeutlicht, welches der Künstlerin besonders am Herzen liegt:

 

„Das Leben ist seinem Wesen nach ein ständiger Schiffbruch.

Aber schiffbrüchig sein heißt nicht ertrinken…

Das Gefühl des Schiffbruches,

da es die Wahrheit des Lebens ist,

bedeutet schon die Rettung.“

 

Auslöser für die Bilder der Serie 2 ist für Marlene Kern die Beobachtung, dass viele der  zwischenzeitlich prämierten Fotografien von männlichen Flüchtlingen eine direkte, archaische und authentische Emotionalität zeigen, die die Männerbilder der Serie 1 vermissen lassen. Sie zeigen Menschen in äußerster Not – hier muss nicht spekuliert werden, inneres und äußeres Erleben sind eins. Auch bleiben diese Bilder beim Betrachter aus dem westlichen Kulturkreis sehr viel länger haften als die Bilder von Frauen in vergleichbaren Situationen.

 

Die Grundlage für die Bilder der Serie 2 sind Fotografien. Sie dokumentieren Szenen, die ihrer Entstehung nach eher in die Welt des Alten Testamentes passen würden und uns vielleicht deshalb so stark berühren.  Die Not und Verzweiflung, die Tränen und die Hilflosigkeit, die sich in den Gesichtern der männlichen Flüchtlinge zeigt, überwindet Grenzen und bringt Mitgefühl und Hilfe. Marlene Kern bewertet und interpretiert auch in dieser Serie nicht, eine politische Sichtweise auf die Dinge ist nicht ihr Anliegen. Sie erfasst die Bandbreite der Emotionen in den Bildern, ergänzt sie und gibt sie uns in einer Form zurück, die uns das Betrachten vielleicht ein Stück leichter macht,  die Aussage nicht ganz so hart und vernichtend existenziell werden lässt.

 

Das Ankommen bei sich selbst, das Entdecken und die Verinnerlichung ihrer Identität haben Marlene Kern zu ihrem Thema geführt – und das, was sie gefunden hat, möchte sie an uns weitergeben.

 

Zunächst mit einer Auswahl aus den ersten beiden Serien, aber bestimmt mit noch weiteren Serien zu ihrem Thema.

 

Die hier gezeigten Bilder Marlene Kerns wie auch weitere Arbeiten finden Sie auf der Homepage der Künstlerin unter www.painting.marlenekern.de

 

Ich persönlich wünsche Marlene Kern ein bereicherndes Fortschreiten auf ihrem Weg zur Malerei und möchte mich an dieser Stelle für Ihre Aufmerksamkeit bedanken.